«Meine zentrale Frage lautet immer: ‹Wo ist die Energie?›»

Nicole Josi, Coach FAU ALV, Standort Zürich

Seit Oktober 2025 ist Nicole Josi Teil des FAU-Teams am Standort Zürich. Als diplomierte Business Coachin und betriebliche Mentorin mit eidgenössischem Fachausweis bringt sie umfassende Erfahrung als Führungsverantwortliche, Projektleiterin und Beraterin mit. Sie verfügt über tiefgreifende Einblicke in Unternehmensstrukturen und Geschäftskulturen und begleitet Fach- und Führungskräfte lösungsfokussiert durch berufliche Veränderungsprozesse.

Text: FAU Studio

Du arbeitest seit Oktober beim FAU. Was hat dich am meisten überrascht – positiv oder auch herausfordernd?
Am meisten beeindruckt mich die Vielfalt der Biografien unserer Teilnehmenden, die sich alle in einem oft tiefgreifenden Change-Prozess befinden. Positiv überrascht hat mich dabei die Energie, die freigesetzt wird, wenn Menschen aus unterschiedlichsten Hierarchiestufen und Betriebskulturen hier beim FAU zusammenkommen. Eine berufliche Neuausrichtung ist oft eine Phase grosser Unsicherheit, bietet aber gleichzeitig ein enormes Potenzial für die persönliche Entwicklung. Eine grosse Motivation in meiner Aufgabe liegt für mich in der Gestaltung dieser Zwischenphase, in der das Alte abgeschlossen, das Neue aber noch nicht greifbar ist.

Welche Schwierigkeiten gibt es in diesem Prozess?
Die Herausforderung ist, die Balance zwischen Empathie für die aktuelle Situation und dem Setzen lösungsorientierter Impulse für die nächsten konkreten Schritte zu wahren. Genau das fasziniert mich. Es ist genau diese professionelle Steuerung des dynamischen Übergangs, die mich täglich antreibt, unsere Teilnehmenden auf ihrem Weg zu begleiten.

Auf deiner Website steht, dass du jede Veränderung und Krise als Chance siehst. Wie vermittelst du diese Haltung Menschen, die gerade mitten in einer schwierigen beruflichen Situation stecken?
Die zentrale Fragestellung in meiner Begleitung lautet: «Wo ist die Energie?». In schwierigen Situationen ist diese Kraft oft unter Enttäuschung oder Zukunftsangst verborgen. Meine Rolle ist es, den Rahmen zu schaffen, in dem wir diese Ressourcen wieder freilegen. Denn jede Veränderung bedeutet Bewegung nach vorne, und für diesen Weg braucht es eine tragfähige Energiequelle. Durch den gemeinsamen Diskurs wird schrittweise erlebbar, dass auch in einem nicht selbstgewählten Wandel das Potenzial für neue Ideen liegt. Ich sehe eine Krise daher nicht als Endpunkt, sondern als den Moment, in dem die Energie für das weitere Wachstum neu erschlossen werden kann.

Du siehst «gestärkte Selbstwirksamkeit» als wichtiges Ziel. Was bedeutet das konkret für dich und wie gelingt es dir, dies an die Menschen im FAU weiterzugeben?
Der nachhaltigste Erfolg ist für mich das selbstgesteuerte Handeln: Wenn Menschen gestärkt aus dem Prozess hervorgehen und ihrer eigenen Gestaltungskraft wieder vertrauen. Selbstwirksamkeit bedeutet konkret, sich kompetent, bedeutsam und selbstbestimmt zu erleben. In einer beruflichen Neuorientierung ist der Fokus auf die eigenen Stärken oft vorübergehend vernebelt. Ich verstehe mich daher nicht als Problemlöserin, sondern als Prozessbegleiterin auf Augenhöhe. Mein Ziel ist es, den Raum für Reflexion zu öffnen, in dem Teilnehmende vorhandene Ressourcen wiederentdecken und festigen. Sobald sie daraus eigene Handlungsschritte ableiten, wird die persönliche Wirksamkeit unmittelbar wieder erlebbar.

In der Vergangenheit hast du selbst erfahren, wie sich Veränderungen anfühlen und wie man darin wachsen kann. Gibt es eine persönliche Erfahrung, die deine Haltung als Coach besonders geprägt hat?
Absolut. Meine langjährige Tätigkeit in einer VUCA-geprägten Arbeitswelt war von ständigem Wandel und hoher Komplexität gezeichnet. Ich habe selbst erfahren, wie es sich anfühlt, wenn vertraute Strukturen wegbrechen und man sich in einem neuen Umfeld erst wieder orientieren und beweisen muss. Diese Phase des «Nicht-Wissens» und die Notwendigkeit, sich immer wieder neu zu positionieren, haben mich gelehrt, wie essenziell persönliche Stabilität und Authentizität sind. Heute hilft mir dieses Verständnis dabei, die Ängste und Widerstände in Veränderungsprozessen nicht nur theoretisch zu erfassen, sondern die Menschen darin glaubwürdig zu begleiten. Ich weiss aus eigener Erfahrung: Veränderung erfordert Mut, ist aber immer auch eine Bewegung nach vorne. Mein eigener Weg hat mir gezeigt, dass wir gerade in der Ungewissheit die nötige Energie für echtes Wachstum finden können.

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