Alina, du bist nun seit vier Monaten bei FAU tätig. Wie bist du bei uns gestartet?
ALINA VOLLMER: Die Anfangszeit im FAU kann ich gut mit dem Schwimmen in der Aare vergleichen: Einstieg bis zu den Knien ins Wasser, Blick aufs Wasser, weitere Schwimmer und Boote und Sprung hinein! Während der ersten Tage bei FAU konnte ich schnell die Betriebstemperatur spüren. Die Strukturen und die Belegschaft sind überschaubar und ich konnte mich einfach orientieren. Mein Handwerkszeug habe ich selbst mitgebracht und beherzt in das FAU Wasser geworfen – und plötzlich schwimme ich mitten im Fluss und fühle mich gleichzeitig aktiviert, erfrischt und erholt. Wie im Fluss, schwimme ich nicht alleine, und doch für mich. Meistens habe ich Lust, länger im Wasser zu bleiben, merke aber auch, dass es wichtig ist, mich immer wieder abzugrenzen und um meine eigene Temperatur zu sorgen. Im Coaching geniesse ich die facettenreichen Landschaften, die vorbeiziehen und staune über das Rauschen der Steine, wenn ich die Ohren unter Wasser habe und den spannenden Untergrundtöne lausche. Inzwischen habe ich auch schon einen Teilnehmenden begleiten dürfen, der sich, sozusagen frisch gebadet, nun neu ankleiden darf und wieder motiviert in einen neuen Job geht.
Seit 2021 begleitest du Menschen auch in deiner eigenen Praxis. Wie unterscheidet sich deine Arbeit dort von FAU?
Vor allem in der Zeit. In meiner eigenen Praxis erlebe ich oft Menschen, die mit einem bestimmten Thema zu mir kommen und deren Prozesse ich für einen oder zwei Schritte begleiten darf. Das FAU-Programm gibt uns mit sechs Monaten einen weiten Rahmen, was es ermöglicht verschiedene Ebenen im Prozess zu bearbeiten und Etappenerfolge zu würdigen. Nach einigen Coachingstunden zeigt sich mir, dass wesentliche Themen wie «Selbstwert», «Ausrichtung und Zukunftsarbeit», «Umgang mit Bedürfnissen, Ressourcen und Grenzen» prominent bei den FAU Teilnehmenden vertreten sind – genau wie ich es auch in der eigenen Praxis erfahre. Mich freut dabei sehr, dass körperorientierte, analoge Methoden und Achtsamkeitstechniken von ihnen genauso offen aufgenommen und wertgeschätzt werden.
Du beschreibst deinen Coaching-Ansatz als integrativen Prozess. Kannst du vielleicht mehr dazu sagen?
«Integrativ» verstehe ich als den Gegenpol zu «separiert». In meinem Verständnis lässt sich der Mensch nicht zerteilen, so dass ich «nur» mit seinem CV, seinem Körper, der Vergangenheit, seinem Ziel, seiner Familiengeschichte etc. arbeite. Auch glaube ich nicht, dass das somatische Leiden durch «diese» psychische Belastung bedingt ist, dass «der» CV zu dem Job oder Pizzaessen zu Übergewicht führt. Einen integrativen Prozess zu begleiten, bedeutet den Menschen als Ganzheit und im fliessenden Prozess mit seiner Umwelt zu verstehen, mit allem, was war und jetzt gerade in und um ihn ist. Diese Haltung ist manchmal anstrengend zu halten und fordert mich immer wieder auf gleichzeitig heraus und hereinzutreten.