Warum digitale Lücken die Stellensuche bremsen
Wer heute eine neue Stelle sucht, kommt an digitalen Fähigkeiten kaum vorbei. Eine Studie aus der Deutschschweiz zeigt: Viele fühlen sich im Umgang mit digitalen Technologien noch nicht ausreichend gewappnet, besonders Frauen und ältere Personen. Gleichzeitig beschleunigen KI und Automatisierung den Wandel: Immer mehr Routinen werden digital unterstützt oder ersetzt.

Digitale Kompetenzen wirken sich direkt auf den Verlauf der Stellensuche aus. (Symbolbild)
Text FAU STUDIO
In einer Studie der Universität Basel wurden 2736 Stellensuchende in der Deutschschweiz zwischen Oktober 2023 bis Februar 2024 befragt, wie sicher sie sich in verschiedenen Kompetenzbereichen einschätzen. Im digitalen Bereich ging es sowohl um Grundlagen – Computer bedienen, Office-Programme nutzen, online kommunizieren – als auch um anspruchsvollere Themen wie digitale Inhalte erstellen, Prozesse automatisieren, Daten schützen oder technische Probleme mit digitalen Tools lösen. Die Antworten wurden mit typischen Anforderungsprofilen in verschiedenen Berufen abgeglichen. So liess sich erkennen, wo Stellensuchende hinter dem digitalen Kompetenzniveau zurückbleiben, das in ihren Zielberufen heute erwartet wird.
Wer besonders von digitalen Lücken betroffen ist
Die Auswertung zeigt: Frauen schätzen insbesondere ihre fortgeschrittenen digitalen Fähigkeiten im Durchschnitt tiefer ein als Männer und geben häufiger an, dort Lücken zu haben. Mit zunehmendem Alter sinkt ebenfalls das Vertrauen in die eigenen digitalen Kompetenzen; ältere Stellensuchende sind daher überdurchschnittlich von digitalen Lücken betroffen. Aus Sicht von Laurent Gachnang lassen sich diese Befunde jedoch nicht primär durch demografische Faktoren erklären. Der Experte und Dozent für künstliche Intelligenz mit langjähriger Erfahrung in der Erwachsenenbildung ordnet ein: «Es geht weniger um Alter oder Geschlecht per se, sondern um Zugänge und Selbstwirksamkeit. Wer nie die Möglichkeit hatte, sich spielerisch mit Technologie auseinanderzusetzen, hat schlicht weniger Erfahrung damit. Das ist kein Intelligenz- oder Motivationsproblem.»

Laurent Gachnang ist Experte und Dozent für Künstliche Intelligenz.
Wie KI den Arbeitsalltag verändert
Die technologische Entwicklung zeigt sich laut Gachnang heute besonders in Büro- und Wissensarbeit. Tätigkeiten wie Sachbearbeitung, Dokumentenverarbeitung, einfache Analysen oder Texterstellung werden zunehmend von KI-Systemen unterstützt. «Die grössten Veränderungen passieren gerade nicht in der Produktion oder Logistik, sondern in Büros», sagt Gachnang. «Wer diese Tools nicht kennt, arbeitet schlicht mit einem Wettbewerbsnachteil.» Damit rücken digitale und KI-bezogene Kompetenzen auch für Zielgruppen in den Fokus, die sich selbst nicht als «technisch» verstehen.
Folgen für die Stellensuche
Digitale Kompetenzen wirken sich direkt auf den Verlauf der Stellensuche aus. Wie die Forschenden herausgefunden haben, erhalten Personen, die digital besser aufgestellt sind, häufiger Einladungen zu Bewerbungsgesprächen und verlassen das RAV schneller wieder. Wer dagegen digitale Lücken hat, sucht eher nach Stellen mit möglichst geringen digitalen Anforderungen und bleibt oft in einem engen Rahmen von Berufen, die dem bisherigen bei Aufgaben, Lohn und digitalem Profil sehr ähneln.
Je stärker sich die digitalen Anforderungen einer neuen Funktion vom bisherigen Job unterscheiden, desto seltener wird diese Option überhaupt ernsthaft geprüft, selbst wenn viele Inhalte weiterhin passen würden. So gehen laut der Studie Chancen verloren, etwa in verwandten Rollen, in denen vorhandene Stärken gut genutzt und digitale Kompetenzen gezielt ausgebaut werden könnten.
Welche digitalen Kompetenzen in Zukunft zählen
Klar ist: Nicht jede stellensuchende Person muss zur IT-Spezialistin werden. Wichtig ist vielmehr, mit den neuen digitalen Werkzeugen souverän umgehen zu können. Gachnang betont, dass es dabei weniger auf technisches Detailwissen ankommt als auf den Umgang mit KI-gestützten Werkzeugen insgesamt. Entscheidend sei die Fähigkeit, solche Systeme zielgerichtet einzusetzen, ihre Ergebnisse kritisch zu prüfen und zu bewerten sowie zu verstehen, wo sich wiederkehrende Aufgaben sinnvoll automatisieren lassen und wo klare Grenzen gezogen werden müssen. Diese Form von digitaler Grundbildung und Prozessdenken steht für ein neues Verständnis von Arbeitsorganisation und gewinnt in vielen Berufen rasch an Bedeutung.
Digitale Transformation als Gemeinschaftsaufgabe
Gachnang betont, dass die Frage, wie Menschen in der technologischen Entwicklung nicht abgehängt werden, nicht nur technisch, sondern auch politisch ist. Entscheidend seien niederschwellige, zeitlich und finanziell zugängliche Weiterbildungsangebote sowie praxisnahe Kurse, die direkt auf den Arbeitsalltag einzahlen. «Sobald Menschen verstehen, dass KI ein Werkzeug ist, das ihre Arbeit erleichtert und nicht ersetzt, öffnen sich die meisten sehr schnell», so Gachnang. So würden Hemmschwellen abgebaut, Selbstvertrauen im Umgang mit Technologie gestärkt und die Chancen auf einen erfolgreichen Wiedereinstieg in den Arbeitsmarkt erhöht.
Mehr zur Studie
Wunsch, C., Rochlitz, F. & Arni, P. Jobseekers’ skills and job search behaviour. Swiss J Economics Statistics 161, 11 (2025).
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