Medien in der Krise: Wie es dem Journalismus‑Nachwuchs geht

Spardruck, unsichere Perspektiven und steigende Belastung prägen den journalistischen Alltag. Wie erlebt der Journalismus‑Nachwuchs die aktuelle Krise der Medienbranche und was braucht es, damit der Beruf auch morgen noch attraktiv bleibt? Der Co‑Präsident der Jungen Journalistinnen und Journalisten Schweiz, Juan Riande, spricht über den Reiz des Journalismus, die Realität in den Redaktionen und was junge Menschen mitbringen müssen, um in der Medienbranche zu bestehen.

Text: Olivia Eberhardt

Warum entscheiden sich junge Menschen, trotz einer kriselnden Branche immer noch für den Beruf der Journalistin oder des Journalisten?
Weil es ein sehr schöner Beruf ist, der mit einer Sinnhaftigkeit daherkommt, die ich sonst selten erlebt habe. Wer als Kind viel entdecken wollte und Fragen stellte, die Eltern nicht immer beantworten konnten, ist vermutlich prädestiniert für diese Branche. Denn wer die Welt etwas besser verstehen möchte und Freude daran hat, komplexe Dinge verständlich zu erklären, findet im Journalismus eine Möglichkeit, mit dieser Eigenschaft Geld zu verdienen. Zudem gibt es verlockende Möglichkeiten, wie das Arbeiten an Festivals oder die Chance, einen Bundesrat zu interviewen. Ganz grundsätzlich ist es eine gute und bereichernde Abwechslung – und mir gefällt das Gemeinschaftsgefühl, das man in Redaktionen oder in einer Branche mit so viel Herzblut findet, das macht den Beruf noch erstrebenswerter.

Welche Fähigkeiten – fachlich und persönlich – braucht eine Journalistin oder ein Journalist heute?
Analytisches und vernetztes Denken gehören in jedem Bereich zu den Grundanforderungen, ob Radio, TV oder Print/Online. Zusätzlich sind eine hohe Belastbarkeit und eine gewisse Stressresilienz von Vorteil, da gerade zu Beginn der Karriere vieles neu ist und die aktuelle News-Pace hoch ist und bleibt. Ich glaube aber, dass es heute vor allem wichtig ist, wirklich im Journalismus sein zu wollen. Der gemeinsame Nenner bei uns im Verein ist die intrinsische Motivation für diesen Beruf und zwar trotz aller Hürden. Universell wichtig ist ausserdem ein echtes Interesse an Menschen und ihren Geschichten sowie die Bereitschaft, eigene Meinungen für eine unvoreingenommene Berichterstattung zurückzustellen.

Wie würdest du den heutigen Redaktionsalltag beschreiben?
Da ich mich letzten Sommer selbständig gemacht habe, kann ich das heutige Empfinden nur bedingt beschreiben. Was aber vielerorts schon damals spürbar war: der steigende Druck durch schwindende Ressourcen. Bei gleichbleibender Arbeit führten Massenentlassungen dazu, dass weniger Personen mehr leisten müssen, und das prägt die Stimmung vielerorts. Im Alltag lässt einen die Arbeit das aber oft vergessen. Umso schöner ist es dann, wenn man die Möglichkeit für grössere Geschichten erhält, weil sie überzeugen. Das schafft neue Motivation, gerade weil solche Anreize seltener werden.

Was prägt die Arbeit aktuell am stärksten?
Ich wünschte, man könnte hier einen einzigen Faktor nennen, denn dann könnte man sich ihm auch richtig annehmen. Aber genau darin liegt die Herausforderung. Geopolitische Grossereignisse, Kriege, Leid und der konstante Lärm nach Aufmerksamkeit sorgen dafür, dass Themen von gestern morgen wieder irrelevant sein können. Dieses Gefühl schmälert in meiner Wahrnehmung die Sinnhaftigkeit der Arbeit spürbar. Dazu kommt der wirtschaftliche Druck auf Medienunternehmen,  was zu weniger Ressourcen, weniger Qualität, weniger Vertrauen und weniger Einnahmen führt. Eine Negativspirale, die ich aktuell als sehr prägend erlebe.

Was hält junge Menschen deiner Meinung nach im Beruf – trotz der Herausforderungen?
Das Schöne überwiegt. Jede Person muss das für sich selbst abwägen, aber die bereits genannten schönen Seiten des Berufs haben eine gewisse – ich würde fast sagen Magie – die vieles aushaltbar macht. Ich kann mir kaum einen schöneren Beruf vorstellen, und solange dem so ist, möchte ich auch daran festhalten. Dabei hilft es, sich auf das zu konzentrieren, was einem liegt und was man selbst beeinflussen kann. Managemententscheide treffen Managerinnen und Manager und ich mache Journalismus. Die konkreten Gründe sind individuell: In Gesprächen wurde mir mehrfach genannt, dass die Möglichkeit, Menschen eine Stimme zu geben, die sonst nicht gehört werden, oder die Möglichkeit eigenen Fragen nachzugehen und Themen zu verfolgen, die einen selbst interessieren.

Welche Rolle spielt der gesellschaftliche Auftrag des Journalismus heute noch?
Hier gibt es wohl zwei Seiten. Einerseits ist es gerade in Zeiten von Fake News, Desinformation und KI umso wichtiger, dass es Institutionen gibt, die Informationen verifizieren und korrekt aufbereiten. Gleichzeitig sinkt durch technische Alternativen die Nachfrage nach klassischen Medien. Medien müssen akzeptieren, dass sie keine Gatekeeper mehr sind und ihre neue Rolle in diesem Umfeld finden. Die grundsätzliche Funktion des Journalismus in einer Demokratie würde ich aber gerade aufgrund dieser Herausforderungen als umso wichtiger beschreiben. Den Mächtigen auf die Finger zu schauen ist und bleibt eine zentrale Aufgabe, auch wenn z.B. Ratgeber und Serviceformate durch KI und das Internet an Bedeutung verlieren.

Wo siehst du aktuell die grössten Herausforderungen im Journalismus?
Glaubwürdigkeit und finanzielle Sicherheit sind wohl die grössten Herausforderungen. Eine Studie von Martin Andree prognostiziert bis 2029 einen Kipppunkt: Bis dann sollen 75 Prozent der Werbegelder, die ursprünglich in klassische Medien investiert wurden, zu Big Tech abfliessen. Medienhäuser müssen also ziemlich bald neue Wege finden, sich sicher aufzustellen und dies ohne, dass dabei die Qualität leidet. Diverse Verlage erhoffen sich durch KI eine Möglichkeit, diese Transformation zu meistern. Ich persönlich bin da eher skeptisch. Solange KI-Modelle auf Wahrscheinlichkeiten basieren, scheitern sie bereits an Breaking News, denn diese sind gerade durch ihre Unwahrscheinlichkeit geprägt. Klar ist aber auch, dass KI ergänzend eingesetzt werden kann und wenn dadurch mehr Ressourcen für eigentlichen Journalismus entstehen, können wir davon profitieren.

Welche davon betreffen besonders junge Berufseinsteigerinnen und Berufseinsteiger?
Der wirtschaftliche Druck trifft Einsteigerinnen und Einsteiger besonders hart. Wenn die Stellen schwinden, trifft es oft Einstiegspositionen. Zudem geben sich erfahrene Journalistinnen und Journalisten immer häufiger die Klinke in die Hand, das führt dazu, dass es immer weniger Einstiegsmöglichkeiten für junge gibt. Die Anforderungen steigen, die Entlohnung bleibt lange gleich. Mir ist dabei wichtig zu betonen: Es gibt nicht zu viele Journalistinnen und Journalisten, sondern zu wenig Möglichkeiten, sie in der viersprachigen Schweiz wirtschaftlich sinnvoll einzusetzen. Es gibt Gemeinden und Kantone, in denen keine Medien mehr regelmässig berichten oder recherchieren. Verwaltungen gelangen dadurch zu einem Informations- und Kommunikationsmonopol, welches sehr problematisch ist.

Wie kann man sie besser unterstützen?
Aus genau dieser Frage ist unser Verein entstanden. Erstes Ziel war es, ein Netzwerk zu schaffen, das jungen Journalistinnen und Journalisten im Alltag nützt, Kontakte durch Schwarmintelligenz. Mit der Zeit wurden die Anliegen aber immer diverser, oder zumindest in unserer Wahrnehmung. Deshalb haben wir letztes Jahr eine Anlaufstelle lanciert, bei der sich unsere Mitglieder melden können, wenn sie nicht mehr weiterwissen. Der Grundgedanke, Leute zusammenzubringen, ist aber noch immer zentral. Deshalb organisieren wir regelmässig Anlässe. Auch wenn es «nur» ein gemeinsamer Barbesuch ist, kann man sich dort mit Gleichgesinnten austauschen.

Wie beurteilst du die Zukunft des Journalismus insgesamt?
Ich bin Optimist und erhoffe mir deshalb eine Zukunft mit vollfunktionsfähigem Journalismus.

Wird der Beruf für junge Menschen eher attraktiver oder schwieriger?
Beides. Durch Herausforderungen wird man stärker, man muss sie aber auch meistern können. Leider sind jungen Menschen manchmal aber die Hände gebunden.

Was müsste sich aus deiner Sicht verändern?
Wir haben uns für dieses Jahr vorgenommen, den Einstieg in den Journalismus zu hinterfragen. Der Abbau von Stellen führt zu einer Konzentration in Zentralredaktionen, wodurch die Auswahlmöglichkeiten für Arbeitgeber steigen. Dieser Entwicklung ist die Branche weitgehend ausgeliefert, denn sowohl wirtschaftlich als auch inhaltlich profitieren Medien kurzfristig davon. Uns ist dabei wichtig, dass Medienhäuser auch etwas zurückgeben. Deshalb vergleichen wir aktuell Ausbildungsangebote und suchen nach Lösungen, von denen sowohl Medienhäuser als auch Einsteigerinnen und Einsteiger profitieren können. Der Fokus liegt dabei auf dem, was andere gut machen und nicht darauf, was Verlage schlecht machen.

Was würdest du jemandem sagen, der heute Journalistin oder Journalist werden möchte?
Ich kann es sehr empfehlen. Das Gute an den Herausforderungen, die es zu meistern gilt: Man muss sich immer wieder fragen, ob man es noch will. Journalismus ist unter diesen Umständen eine bewusste Entscheidung und ich begleite Menschen sehr gerne dabei, diese Entscheidung für sich zu treffen, wenn man sich dann weiterhin für die Branche entscheiden kann, umso besser.

Und was würdest du dir von der nächsten Generation im Journalismus wünschen?
Ich wünsche mir von der nächsten Generation, dass sie dranbleibt und trotz allem Spass an ihrer Arbeit hat. Es ist schliesslich immer noch ein Traumberuf.

Juan Riande (23) ist Co-Präsident der Jungen Journalistinnen und Journalisten Schweiz (JJS). Der selbstständige Filmemacher begann seine Laufbahn bei Radio 3FACH und leitete dort zuletzt ein 18-köpfiges Team. Später arbeitete er bei Tele 1, wo er im Zuge der Kündigungswelle 2024 branchenweit bekannt wurde. Seither engagiert er sich für bessere Bedingungen im Journalismus und lancierte eine Anlaufstelle für junge Medienschaffende in der Schweiz.

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