Seit Ende 2022 die ersten Language Models eingeführt wurden, verändert künstliche Intelligenz die Arbeitswelt in rasantem Tempo. Nicht alle Berufsgruppen sind von dieser Entwicklung gleich stark betroffen. Gewisse Berufe dürften von der KI gar fast unberührt bleiben.

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Menschliche und technische Fähigkeiten greifen ineinander. (Symbolbild / Pexels.com, Anna Shvets)

Text LEA BOSSHART

Hat die künstliche Intelligenz das Ende der Akademiker*innen und die Revolution der Handwerker*innen eingeläutet? Nicht ganz. Laut einem Blogeintrag des Software-Anbieters «workday» ist nicht die Unterscheidung zwischen Kopfarbeit und Handwerk ausschlaggebend dafür, welche Tätigkeiten die KI übernimmt. Vielmehr gehe es darum, ob sie repetitiv sind, klaren Regeln folgen und kaum Kontextwissen erfordern.

Ähnlich klingt es bei Stephan Sigrist. Wie der Schweizer Zukunftsforscher gegenüber dem Tages-Anzeiger erklärte, stellt sich die Frage, wie leicht sich eine Arbeit automatisieren lässt. Bei Routinearbeiten sind Maschinen schneller und effizienter als Menschen, während adaptive und unstrukturierte Tätigkeiten wohl in der Hand des Menschen bleiben. Zudem sind das Anpassen an unvorhersehbare Situationen, Empathie und Zwischenmenschlichkeit auch im Zeitalter der KI unersetzbare menschliche Fähigkeiten.

Unvorhersehbares ist nicht KI-tauglich

Im Improvisieren ist die KI nicht gut. Sie ist geeignet, wenn es darum geht, starren Regeln und standardisierten Abläufen zu folgen. Im Garten- und Landschaftsbau, in der Elektroinstallation oder in der Gebäudetechnik gehören allerdings unvorhersehbare, täglich wechselnde Situationen zum Alltag. Zudem ist jede Baustelle, jedes Gebäude und jeder Garten anders. Wer Berufe in diesen Bereichen ausübt, muss sich ständig an neue Umgebungen anpassen. Auch Rettungssanitäter*innen dürften von der KI nicht ohne Weiteres ersetzt werden. In Notfallsituationen, wo kein schematisches, sondern situatives Vorgehen gefragt ist, ist der Mensch im Vorteil.

Eine Ärztin zeigt eine Röntgenaufnahme

Wenn es um zwischenmenschliche Fähigkeiten geht, ist der Mensch der KI weiterhin überlegen. (Symbolbild / Unsplash.com, Vitaly Gariev)

Empathie und Zwischenmenschlichkeit

Ein weiterer wichtiger Unterschied zwischen Mensch und Maschine: KI-Tools haben keine Gefühle und sind darum nicht fähig, Empathie zu empfinden. Zudem hat die KI keine zwischenmenschlichen Fähigkeiten, wie die E-Marketing-Plattform «mailchimp» in ihrer Marketingbibliothek festhält. Besonders wichtig ist es überall dort, wo Menschen sich um Menschen kümmern: in der Pflege, bei der Kinderbetreuung, in der Schule oder in der sozialen Arbeit.

Das menschliche Abwägen

Urteilsvermögen – sei es moralischer, kritischer oder ästhetischer Art – ist ebenfalls keine Stärke der künstlichen Intelligenz. Sie ist gut im Ausführen, Automatisieren und Verarbeiten von Daten. Aber sie «denkt» vereinfacht in Schwarz und Weiss; Grauzonen existieren nicht. Wenn es beispielsweise darum geht, moralisch zu beurteilen, ob ein straffälliger Mensch Reue zeigt oder ob er rückfällig werden könnte, bleibt eine menschliche Richterin oder ein menschlicher Richter unersetzlich. Die Einzigartigkeit jedes Falls macht es schwierig, diese Prozesse zu standardisieren. Ein ebenso kritisches Abwägen müssen Chirurginnen und Chirurgen an den Tag legen. Im Operationssaal kann es über Leben und Tod entscheiden. Ästhetisches Urteilsvermögen hat der Mensch der KI ebenso voraus: Wertende Entscheidungen, Harmonie oder bewusste Provokation zeichnen Künstler*innen sowie Architektinnen und Architekten aus.

In gestalterischen Berufen ist Sinn für Ästhetik gefragt. (Symbolbild / Unsplash.com, Vitaly Gariev)

KI und Mensch greifen ineinander

Obwohl geistige Arbeit nicht per se von der KI übernommen werden kann, sind akademische Berufe einem starken Wandel unterworfen. Das Beispiel der Juristerei macht das sichtbar: Eine KI kann Unmengen von Gesetzestexten verarbeiten. Dennoch muss am Ende ein Mensch das Gesetz interpretieren und Grauzonen abwägen. Auch Historiker*innen, die Quellen durchforsten und Muster in Millionen von Dokumenten zu erkennen versuchen, greift die KI unter die Arme. Um menschliches Verhalten in einer bestimmten Epoche zu interpretieren, braucht es ihn allerdings nach wie vor. Er muss Quellen kritisch hinterfragen, Widersprüche lösen und Ereignisse moralisch einordnen. Die KI entlastet den Menschen von Routineaufgaben – menschliche Flexibilität, Empathie und Urteilsvermögen wird sie jedoch nicht ersetzen.

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