Seit der Einführung von ChatGPT 2022 verändert die KI den Arbeitsmarkt. Besonders in Berufen mit hoher «hoher KI-Betroffenheit» führt dies laut einer Studie auch zu mehr Arbeitslosigkeit. Gleichzeitig zeigen neue Analysen: Künstliche Intelligenz könnte langfristig helfen, die wirtschaftlichen Folgen der Alterung der Schweiz abzufedern.

Der Arbeitsmarkt in der Schweiz verändert sich. (Symbolbild)

Text ROBERTO ZIMMERMANN

Anwendungsprogrammiererinnen und Anwendungsprogrammierer, Softwareentwicklerinnen  und Softwareentwickler, Systemanalytikerinnen und Systemanalytiker, Arbeits- und Personalvermittlerinnen und -vermittler, Journalistinnen und Journalisten sowie Marketing-Fachleute: Sie arbeiten in Berufen mit «hoher KI-Betroffenheit». Und prompt sind sie laut einer im Herbst 2025 vorgestellten Studie der Konjunkturforschungsstelle KOF an der ETH Zürich am stärksten von Jobabbau durch künstliche Intelligenz betroffen (1). Die Zahl der arbeitslosen Stellensuchenden ist seit Herbst 2022 in diesen Berufen um bis zu 27 Prozent stärker gestiegen als in weniger exponierten Berufen. Betroffen seien auch jüngere Stellensuchende, insbesondere Studienabgänger ohne berufliche Erfahrung.

Im Herbst 2022 wurde ChatGPT vom US-Unternehmen Open AI auf den Markt gebracht – als erstes LLM (Large Language Model) für die Öffentlichkeit. Auch wenn die Studienautoren mahnen, dass «in einzelnen Berufen neben generativer KI auch weitere Faktoren zum Anstieg [der Zahl Arbeitssuchender] seit 2022 beigetragen haben könnten», steht für sie fest, dass KI-Tools die Haupttreiber für die Differenz sind, die sich zwischen stark und weniger stark «KI-Betroffenen» auftut.

Dazu gehören – für manche im FAU vielleicht überraschend – auch «Berufsberater und −analytiker» sowie «akademische und vergleichbare Personalfachleute», so die Studie.

Die rote Linie bildet die Altersgruppe der 50- bis 65-Jährigen, die blaue Linie die Altersgruppe der 20- 49-Jährigen ab. Die vertikale Linie markiert September 2022. Quelle: KOF ETH Zürich

Einen ähnlich hohen Anstieg verzeichnen «Arbeits- und Personalvermittler», Medienschaffende und andere Fachleute in Kommunikation, Marketing und Werbung. Die Nutzung von KI-Tools führt in diesen Berufssektoren stärker bzw. schneller als in den meisten anderen zu einem Abbau von Arbeitsplätzen.

Berufe also, in denen LLMs häufiger genutzt werden können, verzeichneten ab Herbst 2022 einen «signifikant stärkeren Anstieg der Arbeitslosigkeit» als andere. Die Divergenz veranschlagen die beiden Studienautoren auf rund 17 Prozent in der letzten Jahresperiode. Aber auch Jobs mit mittlerer «Betroffenheit» würden bereits einen Anstieg der Zahl der Arbeitslosen zeitigen.

Warum aber, fragen sich die Wissenschaftler, haben generative KI-Sprachmodelle «bereits in den ersten drei Jahren nach ihrer Einführung derart sichtbare Spuren auf dem Arbeitsmarkt hinterlassen»? Die Antwort: ChatGPT war von Beginn weg einfach zu nutzen, verursachte kaum Kosten und verbreitete sich rasend schnell.

Im Januar 2026 erschien eine weitere Studie zur Auswirkung von KI auf die Arbeitswelt – mit optimistischem Beiklang. Die Unternehmensberatung Deloitte entwickelte für den Kanton Zürich «Rezepte gegen den demografisch bedingten Wohlstandsverlust» (2). Die Studienanlage geht von der – mit Fakten und Zahlen unterlegten – Prämisse aus, dass eine schrumpfende Zahl arbeitender Menschen für die Kosten einer wachsenden Masse an Pensionierten aufkommen muss. Zwischen 2024 und 2055 soll demnach die Zahl der über 65-Jährigen im Kanton Zürich um 54 Prozent zunehmen, während jene der unter 19-Jährigen stagniert.

Vor allem drei Faktoren beeinflussen diesen Wandel: die Geburtenziffer, die Einwanderung sowie das (faktische) Renteneintrittsalter. Steigen sie, so verringert sich das demographische Problem und damit auch die Gefahr, dass der Wohlstand generell schrumpfen wird. Bleiben sie, so müssen immer mehr Junge für die Alten aufkommen – Wohlstandsverluste sind dann programmiert. Für den Kanton Zürich prognostiziert die Studie den Verlust von bis zu einem Fünftel an Wirtschaftskraft.

Was hat die künstliche Intelligenz damit zu tun? Die Studienautorinnen und -autoren glauben, dass KI zumindest einen Teil des Wohlstandsverlustes auffangen könnte. Konkret: Wird die Wirtschaft durch KI effizienter und benötigt sie für dieselbe Leistung weniger Arbeitende, so könnte der erreichte Effizienzgewinn in die Versorgung der Alten gesteckt werden.

In der Studie werden Wirksamkeit und Kosten verschiedener Massnahmen abgebildet.

Laut einer Aufstellung, die mögliche Massnahmen auf Kosten und Wirksamkeit hin abklopft, könnte KI, die «mit staatlichen Rahmenbedingungen» vorangetrieben wird, eine mittlere Wirksamkeit bei geringen Kosten erbringen. Würde «KI in Privatwirtschaft und Verwaltung» implementiert, so würde das zwar einiges kosten, könnte aber gleichzeitig so wirksam sein wie keine der anderen vorgeschlagenen Massnahmen. Selbst das Rentenalter zu erhöhen, hätte geringere Auswirkungen.

KI als Wachstumsmotor für eine Wirtschaft mit einer schrumpfenden Zahl an Arbeitskräften? «Eine intensivere Automatisierung und KI-Nutzung» könne «entscheidend dazu beitragen, die prognostizierten Lücken im Bruttoinlandprodukt und bei der Erwerbstätigenzahl bis 2050 zu verringern», glauben die Studienautorinnen und -autoren.

«Durch eine verstärkte Nutzung von KI» in den Behörden und noch mehr in der Privatwirtschaft sollen «nicht nur Effizienzgewinne realisiert, sondern auch die Arbeitsbedingungen verbessert werden – ein wichtiger Faktor für die längerfristige Beschäftigungsfähigkeit älterer Mitarbeitender».

Nimmt man die Studien zum Nennwert, dann ist KI in manchen Branchen regelrecht disruptiv und erhöht dort die Zahl der Arbeitslosen. Mittel- und langfristig hingegen könnte KI dazu beitragen, die Wirtschaft und den Staat effektiver und produktiver zu gestalten – und damit der Schweiz helfen, ihre Probleme mit der wachsenden Masse an Rentnerinnen und Rentnern zu lösen. Ein optimistischer Schluss, dessen Eintritt allerdings komplett von Entscheidungen abhängt, die wir heute treffen müssten.

© FAU - Fokus Arbeit Umfeld