Stefan Schäfer ist seit 2025 beim FAU tätig und verbindet über zwanzig Jahre Führungs‑ und Managementerfahrung mit systemischem Coaching, um heute Einzelpersonen, Teams und Organisationen zu begleiten. Im Gespräch äussert er sich über seine Erfahrungen mit künstlicher Intelligenz sowie über Chancen, die deren Einsatz im Coaching eröffnen kann.
Interview: Roberto Zimmermann
Wie setzest Du heute in deinen Coachings KI ein?
Ich nutze KI in der Vorbereitung auf ein Gespräch, um auf Fachwissen und Methoden zurückzugreifen, die für die geplanten Themen hilfreich sein könnten. Obwohl ich in der Praxis während einer Coachingsitzung selten direkt auf diese Vorbereitung zurückgreife, da ein Coaching stark vom Momentum geprägt ist. Mich unterstützt die vorgängige Reflexion mit der KI sowie die Sicht auf meine Notizen dabei, mich optimal auf ein Gespräch einzustellen. Für das Erstellen von Berichten und persönlichen Notizen nutze ich KI mit anonymisierten Daten, um das Geschriebene zu korrigieren und stilistisch flüssiger zu formulieren und klar zu strukturieren.
Sind KI-Tools für dich eigentliche Sparringpartner in der Vor- und Nachbereitung deiner Coachings?
Mit Vorbehalt, denn kritisches Denken und das Entwickeln kreativer Perspektiven bleiben bei der Nutzung von KI oft aussen vor. Dessen bin ich mir stets bewusst. Für das Verfassen von Texten ist KI für mich jedoch bereits unverzichtbar. Dadurch kann ich mich stärker auf die Inhalte konzentrieren, statt auf die formale Ausarbeitung. Das macht mich deutlich effizienter, weil die KI das Ausformulieren meiner Gedanken übernimmt. Ich habe dafür einen “Agenten”, der die Texte stilistisch so ausfomuliert wie ich es möchte.
Fragen wir umgekehrt: Was alles kann KI – Stand heute – in einem Coachingprozess nicht leisten?
Menschen sind von Grund auf soziale Wesen, und Reaktionen und Empatie eines echten Gegenübers geben ein starkes Gefühl von Selbstwirksamkeit. Das verleiht dem Prozess der Selbstreflexion eine deutlich höhere Qualität. Entscheidend ist auch, dass Vertrauen zu einem realen Menschen entsteht, ein Gefühl von Sicherheit, welches es leichter macht, ein persönliches Risiko einzugehen, innerlich einen Schritt zu machen, ehrlich zu reflektieren und sich zu öffnen. Coaching ist kein Prozess der Informationsvermittlung, sondern sehr stark geprägt von echter Beziehungsarbeit, die von Nuancen, Kreativität und kritischem Denken lebt. Diese Elemente stecken (noch) nicht in den aktuellen Large-Language-Modellen.
Wo ist die KI dir als Coach gegenüber bereits heute überlegen?
Ich tue mich gerade schwer mit einem Vergleich, denn eigentlich lassen sich diese beiden Arten gar nicht wirklich miteinander vergleichen. Es ist ein wenig so, als würde man fragen, wo das Filmeschauen dem Ferienmachen überlegen ist. Das eine ist eine Fiktion, das andere ein tatsächliches Erleben. Beides hat seinen Platz.
Eine private, zeitunabhängige Unterhaltung mit einer KI zu einem persönlichen Thema geht immer und überall. Sie regt Menschen zum Nachdenken an und führt im besten Fall sogar zu einem Perspektivenwechsel. KI kann dabei durchaus hilfreiche und valide Ratschläge geben. Jeder hat sofort Zugang dazu. Als „interaktives Sachbuch“, das permanent verfügbar ist und einen sehr einfachen Zugangbietet, ist sie wohl unschlagbar. Am Ende ist es eine Frage dessen, was man im Leben will. Wer die Qualität positiver sozialer Interaktion kennt, weiss, dass er diese nicht ersetzen möchte.
KI entwickelt sich rasant. Bereits heute lassen sich Millionen Menschen von ihr «coachen» – ob wegen Problemen in der Beziehung, bei der Arbeit oder mit sich selbst. Könnte es sein, dass sich Menschen der Generationen, die jetzt mit KI aufwachsen, wohler mit KI-Coaches fühlen als mit solchen aus Fleisch und Blut?
Das kann sehr gut sein. Wenn KI hilft, schneller ins Reflektieren zu kommen – wunderbar. Ob sich jemand eher von KI oder von einem Menschen begleiten lässt, hat aus meiner Sicht weniger mit der Generation zu tun, sondern viel stärker mit den bisherigen Beziehungserfahrungen, vielleicht der Qualität der Coaching Erfahrungen und damit, wie man seine Lebenszeit gestalten möchte.
6 Das klingt beinahe so, als wäre ein «friedliches Miteinander »von KI-Coach und realem Coach möglich, also eine Arbeitsaufteilung, die ein Coaching insgesamt vielleicht effizienter macht, vielleicht sogar besser. Einverstanden?
Selbstverständlich. Genauso wie Menschen teilweise Bücher lesen, um über persönliche Themen zu reflektieren, oder sich mit Freunden und Bekannten austauschen, ist es immer ein Miteinander. Was Coaching letztendlich effizient macht, ist die persönliche Fähigkeit zur Reflexion und den Mut des Coachee sich innerlich zu bewegen. Das hängt oft nicht mit der Menge äusserer Einflussfaktoren zusammen.
Über Stefan Schärer
(Foto: zVg)
Stefan Schäfer ist sei 2025 Coach beim FAU Zürich und beschäftigt sich intensiv mit dem Thema KI. Er hat während mehr als zehn Jahren Erfahrung als Projekt- und Programmleiter in sowohl agilen als auch klassischen Vorgehensmodellen gesammelt. Seine Karriere begann er in der Werbebranche und wechselte danach in den Bereich E-Commerce. In verschiedenen seiner Managementaufgaben führte er Teams für nationale und internationale Unternehmen.







